Suna Baldinger
 

Hintergründe

 
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Gesundheits- und Krankheitsverständnis

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Für mein Verständnis der Entwicklung von Krankheit und deren Heilung hat das Erleben im Hier und Jetzt eine zentrale Bedeutung. Das Vergangene lebt und wirkt in der Gegenwart, in diesem Sinne ist die Aufarbeitung der Vergangenheit sinnvoll und wichtig. Ist sie jedoch nicht präsent in der Gegenwart, hat sie keine Bedeutung für den Heilungsprozess.

Es geht also um die Bewusstwerdung des Vergangenen im gegenwärtigen Funktionieren des Organismus. Kindheitserlebnisse, denen man als Kind hilf- und schutzlos ausgeliefert gewesen war, können als Erwachsener anders wahrgenommen und verstanden werden.

Sich vor sich selbst schützen

Wilhelm Reich war der erste Schüler von Freud, der den Körper in die Psychotherapie einbezogen hat. Er stellte fest, dass die Funktion der Abwehr zum Zeitpunkt des schwierigen Ereignisses war, sich gegen einen Angriff von aussen zu schützen. Doch über die Jahre ändert sich diese Funktion. Jetzt schützt sich die Person durch die Abwehrmechanismen vor den eigenen Gefühlen (über das traumatische Ereignis in der Vergangenheit); vor der Trauer, der Angst oder Einsamkeit.

Das Abwehrsystem schützt die Person nun vor sich selbst und nicht mehr vor etwas Äusserem. Der Schwerpunkt wechselt also von dem, was mir in der Vergangenheit angetan wurde zu dem, was ich mir in der Gegenwart selbst antue.

In der Therapie arbeiten wir sowohl intrapsychisch (Fokus auf der Beziehung des Klienten zu sich selbst) wie auch interpersonell (Beziehung des Klienten zu anderen).

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 Bindung

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Für die gesunde Entwicklung des Menschen während der Kindheit, aber auch später im Erwachsenenleben, ist Bindung ein wesentlicher Bestandteil. Insbesondere auch für die Entwicklung des Gehirns sind tragende Beziehungen wichtig. Das menschliche Gehirn stellt ein komplexes neuronales Beziehungssystem dar, das sich innerhalb von Beziehungen und besonders günstig innerhalb emotional sicherer Beziehungen ausbildet.

Der Mensch kommt als offenes, bindungsbereites System auf die Welt und wir brauchen andere Menschen, um uns zu entfalten, so wie wir Nahrung und Luft zum Atmen brauchen. Sowohl unsere physiologischen als auch unsere mentalen Systeme entwickeln sich in Beziehung zu anderen – und dieser Prozess vollzieht sich am intensivsten und am prägendsten in der frühesten Kindheit.

Kein Wesen auf der Welt ist so stark von sozialen Einflüssen abhängig wie der menschliche Säugling, niemand sonst ist so offen und so bereit zu lernen, was es mit den eigenen Gefühlen auf sich hat und wie man damit umgehen kann. In der frühesten Kindheit erleben wir erstmals Gefühle und lernen, sie nach und nach zu integrieren. Wir beginnen, unsere Erfahrungen auf eine Weise zu ordnen, die einen entscheidenden Einfluss auf unser späteres Verhalten und unsere Denkfähigkeiten nimmt.

Emotionale Sicherheit

Bei ungenügender emotionaler Sicherheit in der frühen Kindheit können sich unsichere oder desorganisierte Bindungsmuster entwickeln. Dabei können Bereiche im Gehirn, die für die neurale Integration zuständig sind, in Mitleidenschaft gezogen werden. Dies kann einem Menschen später – aufgrund mangelnder neuronaler Strukturen – die Regulation seiner Gefühle, die Kommunikation und das logische Denken erschweren. Auch können sich durch einen ungenügenden Abbau der physiologischen Erregung verschiedene körperliche Regelkreise wie das vegetative Nervensystem, Blutdruck, Schlafrhythmus usw. nicht optimal ausdifferenzieren.

Das Gehirn strukturiert sich im Laufe seiner Entwicklung über Beziehungserfahrungen, wobei diese strukturelle Verankerung eng an die Aktivierung emotionaler, limbischer Hirnregionen geknüpft ist. Unter dem Einfluss von Signalstoffen (z. B. Dopamin), die die Bildung synaptischer Verschaltungen stimulieren, kommt es zur Festigung und Stabilisierung insbesondere all jener Nervenzellverschaltungen, die im Verlauf der emotionalen Aktivierung besonders intensiv genutzt wurden. Das heisst, dass im Gehirn besonders dann starke Nervenzellnetzwerke gebahnt werden, wenn Erfahrungen in emotional besetzten Situationen gemacht werden.

Lernen in Beziehung

Das menschliche Gehirn und somit auch der Mensch entwickeln sich in Beziehung zu anderen und vor allem innerhalb emotional wichtiger Bindungsbeziehungen. Das heisst, wichtige Funktionen, für deren Entwicklung das Gehirn unabdinglich ist, wie der Umgang mit Emotionen, die Fähigkeit, körperliches Wohlgefühl zu empfinden, eigene Handlungsmuster zu entwickeln oder Erfahrungen kognitiv einordnen zu können, entstehen im Kontakt mit anderen Menschen.

Leider ist dies auch umgekehrt der Fall, und es ist davon auszugehen, dass auch psychische Störungen in Beziehung zu anderen Menschen entstehen. Wenn die Emotionen eines Kindes nicht gespiegelt werden und ihm nicht geholfen wird, seine Emotionen zu regulieren, kann es diese inneren regulativen Fähigkeiten nicht entwickeln und die natürlichen Lebensströme werden keine angemessenen und flexiblen Ausdruckmöglichkeiten finden.

Biosynthetisch gesprochen ist eine Neurose ein blockiertes System, das den freien Fluss der Empfindungen durch den Körper verunmöglicht. Ziel der Therapie ist die Auflösung der Blockaden und die Wiederherstellung des freien Flusses.

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 Fluss der Empfindungen

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Gesunde und reife Funktionsweisen sind dadurch gekennzeichnet, dass psychische Prozesse rhythmisch ablaufen. Menschen, die ihre Emotionen verbal ausdrücken können, beschreiben die Erfahrung dieser rhythmischen Prozesse als angenehm. Bei allen Neurosen und Psychosen ist der freie Fluss dieser Prozesse jedoch beträchtlich gestört.

Wenn ein Tier durch ein Geschehen oder irgendetwas in seiner Umgebung bedroht wird, spannt es sich an. Es reagiert auf die Bedrohung wie auf einen Notfall. Wird der Körper durch das Nervensystem für die Bewältigung eines Notfalls mobilisiert, kennt er normalerweise zwei mögliche Reaktionen, die als Kampf oder Flucht zusammengefasst werden können. Gelingt es dem Tier, sich erfolgreich von der Bedrohung zu befreien, bauen sich die ausgeschütteten Stresshormone wieder ab und es kann danach zu seiner normalen rhythmischen Lebensweise zurückkehren.

Ursachen von Spannungszuständen

Diese Vorgänge hängen aus neurobiologischer Sicht mit einer kontrollierbaren oder unkontrollierbaren Stressreaktion zusammen, die sich bereits in der Kindheit manifestiert. Wenn ein Mensch aufgrund seiner Geschichte auf eine (wahrgenommene) Bedrohung zu einer unkontrollierbaren Stressreaktion neigt, findet er wenig innere Möglichkeiten, die Situation angemessen zu bewältigen und somit die Stresshormone wieder abzubauen. Das heisst, er bleibt beständig in der Anspannung, als ob die Bedrohung weiterhin bestünde. Diese Spannungszustände und die Überaktivität des sympathischen Nervensystems, durch die sie aufrechterhalten werden, werden chronisch und können als Konstriktionen begriffen werden, die in Notfallsituationen geschaffen wurden mit dem Zweck und dem Ergebnis, Bewegung, Atmung und Fühlen einzuschränken, um die Stresssituation zu bewältigen.

Die Spannungsmuster des Körpers können wir somit als die erstarrte Geschichte eines Menschen ansehen. An diesem Punkt funktionieren die normalen körpereigenen selbstregulatorischen Prozesse nicht mehr – oder sie hatten noch nie die Chance, sich angemessen zu entwickeln. Hilfe und Anregung von aussen werden nötig. Was diese Menschen vor allem brauchen, ist, sich zu entspannen. Aber gerade das gelingt ihnen nicht mehr. Wenn beispielsweise jemand über Jahre Wutgefühle angestaut hat und sich jetzt entspannen soll, funktioniert das nicht: Er braucht die Anspannung, um seinen Zorn unter Kontrolle zu halten.

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 Entwicklung des Gehirns

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Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass das menschliche Genom den Aufbau des Gehirns nicht vollständig festlegt. Selbst in vorgeburtlichen Entwicklungsphasen sind die Gene in ihrem Wirken nicht unabhängig von der Aussenwelt. Von Anfang an befinden sich Körper und Psyche in Interaktion und sind untrennbar miteinander verbunden. 

Nicht nur in der Bindungsforschung, sondern auch aus neurobiologischer Sicht wird hervorgehoben, wie wichtig ein feinfühliger Umgang für die Entwicklung des Säuglings und Kleinkindes ist, vor allem in Bezug auf die Organisation der Gefühle und darauf, heftige Erregungszustände zu regulieren, um später adäquate interne Regulationsprozesse, wie zum Beispiel eine angemessene Stressreaktion, zu entwickeln.

Die Auswirkungen von Stress auf das Gehirn

Stress ist ein Thema, das ernsthafte Aufmerksamkeit verdient, und dazu ist es hilfreich, mehr über die inneren Faktoren in Erfahrung zu bringen, die an der Stressbewältigung beteiligt sind. Stress ist ein Zustand, der durch erhöhte Anforderungen an unser motorisches und kognitives System hervorgerufen und entsprechend emotional erlebt wird. Im Grunde ist die Stressreaktion ein Versuch unseres Organismus, eine erhöhte Belastung zu bewältigen. Wir kommen ins Schwitzen, der Puls steigt, das Herz klopft, wir werden kurzatmig, unsere Muskeln spannen sich an, die Reaktionsbereitschaft wird erhöht, unsere Sinne werden geschärft und die Aufmerksamkeit erhöht. Bei starkem Stress kommt es zu Schreckhaftigkeit und zu einer Einengung des Denkens, bis hin zu völligem Erstarren. Akuter Stress ist eine biologisch sinnvolle Anpassung an Gefahr. Chronischer Stress hingegen ist eine der wesentlichen Ursachen heutiger Zivilisationskrankheiten.

Stress oder Herausforderung?

Jede Reaktion auf einen psychischen Stressor beginnt mit einer unspezifischen Aktivierung bestimmter Hirnstrukturen, die als psychische und physische Erregung erlebt wird. Sobald eine Möglichkeit zur Lösung der betreffenden Anforderung gefunden wird, kommt es zum Erlöschen der initialen unspezifischen Aktivierung und eine Beruhigung tritt ein. Gleichzeitig werden genau diejenigen neuronalen Verschaltungsmuster im Gehirn, die an der Lösung des Problems beteiligt sind, verstärkt.

Dadurch entwickelt sich das Gefühl der Selbstwirksamkeit, man «lernt», auf eine bestimmte Situation auf eine bestimmte Art und Weise zu reagieren. Eine derartige Stressbelastung ist besser mit dem Begriff «Herausforderung» zu beschreiben. Wenn sich also eine Belastung als kontrollierbar erweist, wird aus einer Bedrohung eine Herausforderung, aus Angst wird Zuversicht und Mut, aus Ohnmacht wird Wille, und am Ende, wenn wir es geschafft haben, spüren wir, wie unser Vertrauen in das, was wir wissen und können, gewachsen ist.

Wenn nun aber eine Belastung auftritt, für die eine Person keine Möglichkeit einer Lösung durch ihr eigenes Handeln sieht, sondern an der sie mit all ihren bisher erworbenen Reaktionen und Strategien scheitert, so kommt es zu einer sogenannten unkontrollierbaren Stressreaktion, bei der es zu einer starken und langanhaltenden Ausschüttung von Cortisol durch die Nebennierenrinde kommt.

Wenn wir erkennen müssen, dass wir keine Möglichkeiten finden, eine drohende Gefahr rechtzeitig abzuwenden, schlägt die Angst um in Wut und Verzweiflung, die anfängliche Ratlosigkeit wächst zu anhaltender Ohnmacht und die leichte Verunsicherung wird zu quälendem Zweifel. Unser Selbstvertrauen schwindet, der Mut verlässt uns, wir fühlen uns elend und verzweifelt, unzufrieden und unglücklich. Bedrohlich wird es dann, wenn psychischer Dauerstress herrscht, und die Belastungen sich subjektiv als nicht bewältigbar darstellen.

Wie wirkt sich Stress auf einen Säugling aus?

So wie sich das Gehirn an die konkreten Erfahrungen und kulturellen Gegebenheiten seiner Umwelt anpasst, werden auch seine biochemischen Systeme, einschliesslich der Stressreaktion, diesen Gegebenheiten angepasst. Die daraus resultierenden menschlichen Unterschiede wurden lange Zeit für erblich bedingt gehalten.

Die Vorstellung scheint immer noch schwer zu fallen, dass die körperliche Entwicklung nicht den präzisen Vorgaben von genetischen Programmen folgt, insbesondere bei den physiologischen Reaktionen, die völlig automatisch zu erfolgen scheinen. Die meisten Gene werden jedoch durch Umweltauslöser und in Wechselbeziehung mit ihnen aktiviert. Und in der frühen Kindheit besteht die «Umwelt» grösstenteils aus den Menschen, die uns versorgen.

Es kommt also weniger darauf an, mit was für einer genetischen Prädisposition wir auf die Welt kommen, sondern was für Möglichkeiten die Umwelt uns zur Verfügung stellt, um uns zu entwickeln. Die frühkindlichen Beziehungen prägen das entstehende Nervensystem und legen fest, wie Stress künftig gedeutet und behandelt wird. Stress ist auch deshalb in frühester Kindheit besonders gefährlich, weil ein hoher Cortisolspiegel in den ersten Lebensmonaten die Entwicklung verschiedener Neurotransmittersysteme, die noch nicht ausgereift sind, ungünstig beeinflussen kann.

Fürsorgliche Erwachsene sind zentral

In den ersten Lebensmonaten weisen Babys in der Regel einen niedrigen Cortisolspiegel auf, solange fürsorgliche Erwachsene für ihr Gleichgewicht sorgen. Diese Systeme sind dann jedoch noch instabil und reaktiv, weshalb der Cortisolspiegel dramatisch in die Höhe schnellen kann.

Mit dem wachsenden Vertrauen auf die Zuwendung einer erwachsenen Bindungsperson gewöhnt der Säugling sich allmählich an Stress-Situationen und das Cortisol wird nicht mehr so leicht ausgeschüttet. Man hat festgestellt, dass Kinder, die im Säuglingsalter oft berührt, im Arm gehalten werden und viel Aufmerksamkeit erhalten, im Erwachsenenalter eine grosse Menge Cortisolrezeptoren im Hippocampus aufweisen. Das heisst, sie können einen durch Stress bedingten Anstieg des Cortisolspiegels besser bewältigen, weil das Cortisol nicht «ziellos umherirrt», sondern von den Rezeptoren wieder in die Zellen aufgenommen werden kann.

Das Stressreaktionssystem wird im Wesentlichen davon beeinflusst, wieviel Stress es in der frühen Kindheit bewältigen muss und wieviel Unterstützung bei der Rückkehr in den Normalzustand vorhanden war. Ein liebevoll umsorgter und gut regulierter Säugling wird als Kind und als Erwachsener mit grosser Wahrscheinlichkeit zu einer erfolgreichen Selbstregulation fähig sein. Im Gegensatz dazu wird jemand, der stark auf Stress reagiert, bei der geringsten Provokation eine grosse Menge Cortisol produzieren.

Bereits im Mutterleib

Die Anfälligkeit des Säuglings für eine schlechte Stressbewältigung kann schon im Mutterleib ihren Anfang nehmen. Die chemische Umgebung des Embryos ist von den chemischen Vorgängen im Körper der Mutter abhängig. Das Stressniveau der Mutter wirkt auf ihren hormonellen Zustand ein, der den Embryo ebenso beeinflussen kann wie die Antikörper, die sie gegen Infektionen bildet. Eine zu hohe Cortisolkonzentration der Mutter kann durch die Plazenta ins fötale Gehirn gelangen und sich unter Umständen negativ auf den Hypothalamus und Hippocampus auswirken.

Anlage und Umwelt interagieren schon vor der Geburt miteinander. Das bedeutet, dass die Mutter – auf nicht genetischem Wege – ihre eigene übersensible Stressreaktion auf das Baby übertragen kann. Bei Babys mit solchen Erfahrungen besteht eine grössere Wahrscheinlichkeit, dass sie von Anfang an «schwieriger» wirken. Bei anderen wiederum kann die höhere Sensibilität, mit der sie geboren werden, natürlich auch genetisch bedingt sein. Unabhängig davon, ob nun solche Babys aufgrund pränataler Erfahrungen oder aus Temperamentsgründen besonders reaktiv oder sensibel sind, sie geraten jedenfalls leichter unter Stress und brauchen einfühlsame Eltern, die sie vor Stress schützen.

Eine Frage des Überlebens

Für Babys ist Stress vermutlich in erster Linie eine Frage des Überlebens. Die Ressourcen des Säuglings sind so begrenzt, dass er allein nicht überleben könnte. Und für ein Baby oder Kleinkind gibt es wohl keine grössere Stresserfahrung als die Trennung von seiner Mutter oder Fürsorgeperson, die es am Leben erhalten soll. Frühe Trennungen führen in der Amygdala zu einem Anstieg des Coricotropin-Releasing-Hormons (CRH), das nach Ansicht einiger Wissenschaftler die biochemische Substanz der Angst ist.

In tierexperimentellen Studien konnte gezeigt werden, dass das Ausmass mütterlicher Zuwendung nach der Geburt eine entscheidende Rolle dafür spielt, wie das CRH-Gen lange Zeit später bei den ausgewachsenen Tieren unter Stress reagieren wird. Ein hohes Ausmass von mütterlicher Zuwendung nach der Geburt hatte eine nachhaltige Prägung des biologischen Stresssystems der Nachkommen zur Folge. Die Tiere, die von ihren Müttern fürsorglich behandelt wurden, waren weniger ängstlich und sie bewältigten Lernaufgaben deutlich besser als die Vergleichstieren. Auch die Zahl der synaptischen Verschaltungen im Gehirn war bei den bemutterten Tieren erhöht.

Zusammenhänge zwischen Körper und Psyche

Zwischen den psychischen und physiologischen Bewältigungsstrategien eines Individuums bestehen eindeutige Zusammenhänge. Beide werden im Säuglingsalter festgelegt und bleiben dann vielfach, wenn sich die äusseren Umstände nicht dramatisch verändern, mehr oder weniger erhalten. Geringe Stresstoleranz und eine nicht gut gelungene Emotions- und Selbstwertregulation gehören zu den weitreichenden Folgen eines unsicheren Bindungsstils.

Die Stressreaktion ist eindeutig ein Schlüsselelement unserer emotionalen Persönlichkeit. Die physische Anwesenheit und die einfühlsame Kommunikation der Eltern ermöglichen dem noch nicht ausgewachsenen und heranreifenden Gehirn des Kindes, ein Gleichgewicht zu schaffen. Dieses Gleichgewicht wirkt sich auf die Regulierung des Schlaf-Wach-Zyklus, die Stressreaktion, die Herzfrequenz, die Verdauung und die Atmung aus. Starker und häufiger Stress in der frühen Kindheit wirkt sich negativ auf die Fähigkeit aus, in Zukunft ein physiologisches Gleichgewicht herzustellen.

Die Grundsysteme der Gefühlssteuerung sind bei der Geburt allesamt noch nicht funktionsfähig. Auch der präfrontale Cortex ist noch nicht ausgereift. Je früher während der Individualentwicklung stabilisierende bzw. destabilisierende Erfahrungen strukturell im Gehirn verankert werden, desto tiefgreifender und nachhaltiger bestimmen sie die weitere Nutzung und Ausformung der bereits etablierten neuronalen Verschaltungen. Der während der frühkindlichen Entwicklung mit Abstand wichtigste Auslöser derartiger Stress-Reaktions-Prozesse ist der Verlust von psychosozialer Unterstützung (Eltern-Kind-Bindung).

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